Friends World Committee for Consultation - Europe & Middle East Section

Eine Einführung in den Glauben und die Lebenspraxis der Quäker

Contents

2. Zusammenkünfte der Quäker

Meeting for Worship (Zusammenkunft zur stillen Andacht)

Eine Quäkerandacht findet statt, wenn zwei oder mehr Menschen das Bedürfnis empfinden, miteinander still zu sein und Gottes Gegenwart zu suchen. Das kann irgendwo und irgendwann vorkommen, aber die Freunde benützen in der Regel nur dann den Begriff „Meeting for Worship“, wenn es sich um das regelmässige Treffen an einem festgelegten Ort handelt. Im gemeinsamen aufmerksamen Warten in der Stille können die Freunde innere Ruhe, Sinnstiftung für ihr Leben sowie Freude und Staunen über die Schöpfung Gottes finden.

Die Stille wird von den Freunden hoch geachtet. Indem sie Druck und Hetze von sich fern halten, kommen sie dazu, sich des inneren und tieferen Sinns ihres individuellen Lebens und der Gemeinschaft bewusst zu werden. Sie werden befähigt, sich selber allmählich anzunehmen und Angst, Bedrängnis, Verwirrung der Gefühle und Eigennutz loszulassen. Diese Stille ist mehr als ein Fehlen von Geräuschen. Äussere Geräusche können zwar bemerkt werden, wie z.B. ein Hundegebell, ein vorbeifahrendes Auto oder ein rufendes Kind, aber ohne Ablenkung zu sein. Sie werden oft nur unbewusst wahrgenommen, wenn sich Freunde dem von Gott in ihnen zu öffnen versuchen. Robert Barclay, ein früher Freund, beschrieb seine Erfahrung während einer Andacht wie folgt: „Ich fand das Böse in mir schwächer werden und das Gute sich entfalten.“

Im Meeting for Worship ist die Sitzordnung in der Regel kreisförmig oder viereckig, damit sich die Teilnehmer gegenseitig bewusst wahrnehmen können und spüren, dass sie miteinander in der Andacht verbunden sind. Die Anwesenden kommen zur Ruhe und in der gemeinsamen Suche nach Gottes Willen öffnen sie sich für einander. Dies kann rasch erfolgen oder einen grösseren Teil der Andacht beanspruchen, die gewöhnlich eine Stunde dauert.

Die Stille einer Quäkerandacht unterscheidet sich von der Erfahrung einer traditionellen Einzelmeditation, die üblicherweise tief im Innern als hingebungsvolle Übung für die eigene spirituelle Entwicklung stattfindet. Das Hinhören und Warten ist eine gemeinsame Erfahrung in der Suche der Teilnehmer nach einer Begegnung mit Gott.

Die Freunde können ihre Andacht völlig wortlos abhalten, aber meistens gibt es einige kurze gesprochene Beiträge. Dieser „geistliche Beitrag“ (Ministry) soll für alle ausdrücken, was schon in der Stille gegenwärtig ist. Jeder Teilnehmer kann sich zum Sprechen berufen fühlen, ein Mann, eine Frau oder ein Kind, ein Freund oder eine Person, die zum ersten Mal dabei ist. Die Quellen der gesprochenen Beiträge können sehr verschiedener Art sein und ihre Akzeptanz ist ein wichtiger Teil der Quäkerandacht. Weil die Religiöse Gesellschaft der Freunde zur christlichen Tradition gehört, können die Teilnehmer vom Leben und der Lehre Jesu reden. Sie können auch andere Quellen verwenden oder sich auf das Leben im Alltag beziehen. Ohne auf Einzelheiten des Wortlautes zu achten, versuchen Freunde die Botschaften positiv aufzunehmen und die darin enthaltene Wahrheit zu suchen. Wenn Freunde sich genötigt fühlen, auf einen mündlichen Beitrag zu reagieren, sollten sie sehr vorsichtig sein und versuchen, positiv auf dem Gesagten aufzubauen.

Meeting for Worship mit ausgestaltetem Ablauf

In Europa versammeln sich die Freunde in der Regel in Stille und in erwartungsvollem Warten wie oben beschrieben. In anderen Teilen der Welt folgen viele Quäkergemeinden einer Form der Andacht, die derjenigen von protestantischen Kirchen ähnlich ist. Diese Art der Andacht entstand im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten. Damals wurde der amerikanische Protestantismus wieder belebt und erneuert. Als Folge von Mission und humanitärer Arbeit gibt es diese Form der Andacht auch in Afrika, Lateinamerika, Indien und Taiwan.

Der Ablauf dieser Andachten wird voraus geplant und kann gesprochenes Gebet, Bibellesung, Predigt, Kirchenlieder, Chor- und Orgelmusik enthalten. Darin kann auch beträchtliche Zeit für stille Andacht enthalten sein. In vielen Fällen wird diese ganz oder teilweise ausgestaltete Andacht durch einen Pfarrer geleitet, der bezahlt wird und in der Quäkergemeinde auch für andere Aufgaben eines Pfarrers verantwortlich ist.

Geschäftsversammlung

Eine Quäker Geschäftsversammlung wird auch im Sinne einer Andacht abgehalten, entweder an einem Sonntag nach der Andacht oder zu einer anderen passenden Zeit unter der Woche. Neben den Freunden (eingeschriebene Mitglieder) können mit Bewilligung des Clerks (Leiter) der Gruppe auch Freunde der Freunde und Besucher teilnehmen.

Das Ziel einer Geschäftsversammlung besteht darin, den Willen Gottes zu suchen. Es handelt sich nicht darum, dem Willen der Mehrheit zu folgen, da Quäker nicht abstimmen. Es geht darum, im Zusammenhang mit jeder Aussage auf Gott zu hören. Der Clerk hat eine Traktandenliste vorbereitet und leitet die Versammlung oft mit Unterstützung eines Helfers. Der Clerk versucht die Meinungen und die Stimmung der versammelten Quäker zu erfassen. Wenn er das Gefühl hat, dass eine Sache eingehend betrachtet worden ist, macht er oder sie der Versammlung einen schriftlichen Protokollvorschlag (Minute). Dieser enthält die wesentlichen Elemente der Besprechungen und den gefassten Beschluss und muss die explizite oder stille Zustimmung der Versammlung erhalten. Wenn der Clerk nicht in der Lage ist, eine klare Haltung der Versammlung zu spüren, wird keine Entscheidung gefällt und kein schriftlicher Vorschlag festgehalten, sondern nur erwähnt, dass die Versammlung noch nicht bereit ist, sich festzulegen.

Spezielle Zusammenkünfte

Für besondere Gelegenheiten können die Freunde spezielle Zusammenkünfte abhalten. Wie bei anderen Andachten beginnt eine Versammlung, z.B. für eine Hochzeit, mit Stille. Ein Freund wird dann den neu Dazugekommenen und Gästen aus der Familie das weitere Vorgehen erklären. Wenn Braut und Bräutigam sich bereit fühlen, stehen sie auf, nehmen einander bei der Hand und geben vor der Versammlung ein Versprechen ab. Im Anschluss daran geht die Andacht mit einer Zeit der Stille weiter. Aus dieser Stille heraus können gesprochene Gebete oder andere Wortmeldungen herauswachsen, die mit den heiratenden Quäkern zusammenhängen.

Anlässlich eines Begräbnisses oder eines späteren Gedenkens konzentrieren sich die Quäker während der Andacht in Liebe auf das Leben des Verstorbenen. Es gibt dafür keine andere Form als die übliche Andacht. Als Orte kommen das Krematorium, das Grab oder der angestammte Versammlungsort in Frage. Es ist eine Andacht des Dankes für die Gnade Gottes, die sich im Leben des Verstorbenen offenbart hat, und des Trostes und Mitgefühls für die Zurückgebliebenen.

Gespräch aus der Stille

Eine relativ neue Form der Versammlung ist das Gespräch aus der Stille (Englisch: Worship sharing). Es wird manchmal auch als kreatives Zuhören bezeichnet. Der deutsche Ausdruck, Gespräch aus der Stille, weist treffend darauf hin, wie die Zusammenkunft durch Stille „umrahmt“ wird. Das Gespräch aus der Stille kann für das Teilnehmen an persönlichen Erfahrungen und Gedanken über ein bestimmtes Thema sehr nützlich sein. Die Grösse der Gruppe beträgt meistens etwa acht bis zwölf Freunde. Üblicherweise bittet der Betreuer der Gruppe die Anwesenden einige allgemeine Regeln zu beachten, z.B. Sprich erst ein zweites Mal, nachdem alle die Gelegenheit hatten, einmal zu sprechen. Sprich nur von Deiner eigenen Erfahrung. Lass zwischen den Beiträgen Stille zu. Alles was gesagt wird, bleibt innerhalb der Gruppe vertraulich. Kommentiere nicht, was andere gesagt haben. Höre mit Aufmerksamkeit zu und verfalle nicht in eine Diskussion.

Versammlung für Klarheit (Meeting for Clearness)

Eine solche Versammlung kann einberufen werden, um auf ein besonderes Anliegen zu fokussieren oder um Mitglieder einer Gruppe zu befähigen, sich über mögliche Optionen und Wege in die Zukunft Klarheit zu verschaffen. Sie kann abgehalten werden z.B., um ein Paar unter der Obhut der Quäker auf eine Hochzeit vorzubereiten, um ein Anliegen der Gruppe zu prüfen, um über einen Antrag zur Mitgliedschaft zu entscheiden oder um in einer schwierigen oder wechselvollen Zeit um Wegweisung zu ringen. Eine Versammlung für Klarheit kann auch für Freunde, die in kritischen Lebenslagen schwierige Entscheidungen zu treffen haben, oder für Sterbende nützlich und hilfreich sein.

Kinder und Jugendliche in Versammlungen (Children and Young People in the Meeting)

Kinder und Jugendliche sind auch wichtige Mitglieder einer Andacht oder Versammlung. Aber viele von ihnen finden es schwierig, in einem Meeting for Worship eine ganze Stunde still zu sein. Wenn sie an der Andacht teilnehmen, so bleiben sie in der Regel während der ersten zehn bis fünfzehn Minuten oder kommen vor dem Ende dazu. Während ihrer Abwesenheit können sie biblische Geschichten oder Traditionen der Quäker besprechen, Geschicklichkeit üben, spielen oder andere Aktivitäten betreiben, um ihr eigenes Verständnis und ihre eigene Einsicht zu entwickeln. Für die Gruppe von Kindern und die Jugendlichen besteht das Ziel darin, dass ihnen das Bewusstsein vermittelt wird, ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Sie sollen deren spirituelle Traditionen kennen lernen und in der grösseren Gemeinschaft um sie herum zu einer positiven Rolle gelangen. Einige ältere Kinder ziehen es vor, mit den Erwachsenen in der Andacht zu bleiben und leisten manchmal selber gesprochene Beiträge. Bei den Versammlungen junger Freunde wird oft mit verschiedenen Formen von Andacht experimentiert, einschliesslich verschiedener Aspekte von programmierten Andachten und Musik.

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