Friends World Committee for Consultation - Europe & Middle East Section

Eine Einführung in den Glauben und die Lebenspraxis der Quäker

Contents

1. Grundlagen des Quäkerrglaubens

Die Anfänge bei George Fox

Die Freunde entwickelten ihre radikale Neudefinition der christlichen Wahrheit im 17. Jahrhundert. In den ersten Jahren war George Fox die treibende Kraft. Im Jahre 1624 wurde er als Sohn eines ziemlich wohlhabenden Webers und einer tief religiösen Mutter geboren. Als ernster, in sich gekehrter und kraftvoller junger Mann fühlte er sich sehr früh zu religiösen Anliegen hingezogen. Aber er war echt schockiert, als er merkte, wie die „bekennenden Christen“ darin versagten, ihren Glauben zu leben.

Auf der Suche nach Spiritualität verliess George mit 19 Jahren sein Elternhaus. Er suchte überall nach religiösen Führern und forderte sie heraus, seine Fragen zu beantworten. Sein Forschen und Wandern dauerte 4 Jahre, aber niemand schien ihn zu verstehen und niemand nahm seinen inneren Konflikt ernst. Allmählich wuchs in ihm die Überzeugung, dass ihm in seinem Inneren Gott die Antwort schon gegeben hatte. Im Jahre 1647 hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Es gibt einen und zwar Jesus Christus, der zu Deiner Verfassung sprechen kann“. Diese Erfahrung veränderte sein Leben, seine religiösen Vorstellungen und seine Ansicht über die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Er widmete sein restliches Leben der Aufgabe, das neue Verständnis mit anderen Menschen zu teilen.

Weil er seinen religiösen Glauben verbreitete und weil er daraus radikale Konsequenzen zog, war er acht Mal im Gefängnis. Dort wurde er grausam geprügelt, war grossen Spannungen ausgesetzt und musste Entbehrungen ertragen. Dabei erwies er sich als dezidierte, tragfähige Persönlichkeit und war religiös ausserordentlich fähig. Er wird allgemein als Gründer der religiösen Gesellschaft der Freunde betrachtet, und seine Tagebücher und übrigen Schriften bleiben bis heute deren grundlegende Werke. Als hervorragender Bibelkenner schöpfte er in den meisten seiner Schriften aus biblischen Quellen.

George Fox beabsichtigte nie eine religiöse Sekte zu gründen. Er glaubte, dass seine Erkenntnis allgemeiner Natur war, und dass er das ursprüngliche Christentum wieder entdeckt hatte. Eine umfassende Betrachtung seiner Sichtweise ging weit über die institutionellen Grenzen der christlichen Kirche hinaus. Die freudige Wahrnehmung frei zu sein, die er entdeckte, hat sich durch die Geschichte der Quäker bis heute fortgesetzt. Sie stärkte in den Freunden und Freundinnen die Überzeugung, dass Menschen neue Einsichten gewinnen können, wenn sie auf das Leben, das Jesus gelebt hat, Vertrauen setzen und eine eigene Antwort zu geben versuchen.

Die Freunde und Gott

Im Zentrum des Quäkerglaubens steht die Vorstellung des „Inneren Lichtes“. Sie besagt, dass ein bestimmtes Element von Gottes Geist und von göttlicher Energie in jede menschliche Seele hineingelegt worden ist. Dieses Element war den frühen Quäkern unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt: „Das von Gott in jedermann“, „der Same von Christus“, „der Same des Lichtes“. In den Worten des Evangelisten Johannes (1:9) bedeutete es den Freunden: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“

Im Allgemeinen glauben die Freunde, dass eine unmittelbare Kenntnis von Gott nur durch das möglich ist, was jeder Mensch persönlich erfährt, oder was ihm in seinem Innern durch den erleuchtenden Geist Gottes offenbart wird. Dies erklärt die Haltung der Freunde gegenüber vielem, speziell gegenüber der Person und Bedeutung von Christus, gegenüber den Schriften, der Institution und Autorität der Kirche, den Riten, Symbolen und Sakramenten und ganz besonders gegenüber den inneren Verpflichtungen jeder einzelnen Person.

Die Vorstellung des Inneren Lichtes beinhaltet zwei Aspekte: Erstens macht das Innere Licht Gut und Böse erkennbar. Es zeigt die Gegenwart von beiden im Menschen und bietet durch seine Führung die Möglichkeit zu wählen. Zweitens bringt uns das Innere Licht die Einheit aller Menschen zum Bewusstsein. Freunde glauben, dass die Möglichkeit zum Guten wie zum Schlechten in jedem Menschen angelegt ist.

George Fox bekannte sich dazu, dass es über der Welt einen „Ozean von Dunkelheit und Tod“ gebe. Aber er sah auch, dass über dieser Dunkelheit ein „Ozean von Licht und Liebe“ fliesse, der die unendliche Liebe Gottes offenbare. Die Freunde glauben, dass im Wesen jedes Menschen, der wahrhaftig den Willen Gottes tun will, Gottes Macht, das Böse zu überwinden, verfügbar ist. Wir entscheiden weitgehend selber über unser eigenes Schicksal, weil die Macht zu wählen bei uns liegt. Die Quäker sehen die Erlösung darin, dass es in unserer Macht liegt, „Kinder Gottes zu werden“.

Obwohl das Innere Licht oder der göttliche Geist zu jeder Zeit verfügbar waren, gehen im allgemeinen die Freunde davon aus, dass die Fülle der göttlichen Offenbarung sich im Leben Jesu Christi manifestiert hat: „…wurde Fleisch und wohnte unter uns … voll der Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1,14)

Auf Gottes Ruf antworten

Einer der spezifischsten Aspekte des Quäkertums ist ein Sinn für die Unmittelbarkeit Gottes, der von gewöhnlichen Männern und Frauen wieder entdeckt worden ist. Die Schriften von frühen Freunden sind voll von Geschichten über „Begegnungen mit Gott“ und „geführt sein durch den heiligen Geist“. Manchmal halfen diese Erfahrungen ihrem Selbstverständnis als Quäker. Gelegentlich empfanden sie ein Bewusstsein für etwas, das als Teil der Absicht Gottes auf dieser Erde getan werden musste. Die Freunde begannen den Begriff Anliegen (concern) zu verwenden, um ihre Erfahrung zu beschreiben, dass Gott zu ihnen sagen könnte: „Das ist es, was getan werden muss – und du musst helfen, es zu tun“

Diese Art der direkten Gotteserfahrung ist nicht einzigartig für die Freunde. Sie ist im Judentum und Christentum gleichermassen bekannt. Die religiöse Gesellschaft der Freunde versucht aber auf besondere Weise, ihre Mitglieder zu unterstützen, solchen Rufen zu folgen. Die Freunde haben sich immer gegenseitig zur Vertiefung in der christlichen Lebensführung ermutigt und darin die Notwendigkeit betont, sich dem heiligen Geist und dem Ruf Gottes zu öffnen.

Freunde und die Bibel

Die Freunde sind der Ansicht, dass wahre Religion nicht aus Büchern oder vorgegebenen Gebeten, Worten oder Ritualen gelernt werden kann. George Fox nannte diese leere Formen. Als das Quäkertum in England begann, war die Bibel gerade erst in englischer Sprache verfügbar geworden und wurde auf breiter Basis gelesen und zitiert. Die meisten protestantischen Gruppen sprachen ihr in hohem Masse Endgültigkeit und Unfehlbarkeit zu. Das allgemeine Bedürfnis nach einer äusseren massgebenden Norm war sehr ausgeprägt. Bei religiösen Auseinandersetzungen versuchte jede Gruppe mit Hilfe von Bibelzitaten ihre Position zu stützen.

Gelegentlich verfielen die Freunde in dasselbe Muster. Aber sie glaubten auch an eine Offenbarung von Gottes Willen in der Gegenwart, wie es in der Bibel beschrieben ist. George Fox sagte einmal: „Du wirst sagen, Christus sagt dies und die Apostel sagen jenes, aber was kannst Du selber sagen? Bist Du ein Kind des Lichtes und bist Du im Licht gewandelt und kommt das, was du sagst, in deinem Innern von Gott?“

Die Freunde weigern sich, die Bibel zum endgültigen Kriterium für die richtige Lebensgestaltung und die wahre Lehre zu machen. Die göttliche Offenbarung ist nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Der gleiche heilige Geist, der in der Vergangenheit die biblischen Schriften inspiriert hat, kann auch Jahrhunderte später glaubende Menschen inspirieren. In der Tat sind gegenwärtige Einsichten aus dem heiligen Geist entscheidend für das richtige Verständnis der Vergangenheit. Die Freunde glauben, dass Gott durch das Innere Licht allen Menschen Zugang zu spiritueller Wahrheit für die heutige Zeit gibt.

Glaubenssätze und Theologie

Bezüglich formaler Glaubenssätze und theologischer Dogmen unterscheidet sich die Einstellung der Freundinnen und Freunde von derjenigen der meisten Christen. Glaubenssätze bilden nicht die Grundlage für den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft. Die Freunde sind sich bewusst, dass dem verbalen Ausdruck der tiefsten Erfahrungen Grenzen gesetzt sind. Freunde sind sich auch im Klaren darüber, dass Worte die persönliche Überzeugung eines Menschen zu einer bestimmten Zeit adäquat ausdrücken mögen, aber später für die gleiche Person fast sicher unpassend sind. Umso schwieriger ist es, die religiöse Überzeugung einer Gruppe von Menschen zu definieren. Worte und Sätze bieten sich oft für verschiedene Interpretationen an.

Das Fehlen von Glaubenssätzen bedeutet nicht, dass es den Freunden gleichgültig sei, was eine Person glaubt. Sie anerkennen, dass persönliche Überzeugungen das Verhalten essentiell bestimmen. Freunde sind Menschen mit ausgeprägten religiösen Einstellungen, aber es ist ihnen klar, dass diese daran geprüft werden müssen, wie sie sich im Leben auswirken. Viele Freunde sind über den Wert der Theologie verunsichert, weil sie fürchten, dass diese leicht zu Spekulationen und Streit Anlass bietet. Aber alle stimmen darin überein, dass Menschen vernunftbegabt sind und deshalb über das Wesen ihrer religiösen Erfahrungen nachdenken müssen. Freunde werden dazu ermutigt, sich Zeit zu nehmen, um von Erfahrungen über das Innere Licht anderer Menschen zu hören. Die Bibel, die Überlieferungen der Quäker und alle Schriften über die Offenbarungen Gottes sind ihnen wichtig. Aber Gottes Geist wirkt auch bei gewöhnlichen Tätigkeiten und Erfahrungen des täglichen Lebens. Inspiration umgibt uns überall: In der Natur, in der Wissenschaft und Kunst, in unserer Arbeit und in unseren Freundschaften, in unserem Leid und in unserer Freude. Freunde werden aufgefordert, sich neuem Licht zu öffnen, woher immer es kommen mag, aber neue Ideen kritisch zu prüfen. Das Suchen der Freunde und ihre offene Haltung dem Leben gegenüber hat sicher zur Toleranz beigetragen, mit welcher sie anderen Menschen sowie Problemen des Glaubens und Verhaltens begegnen.

Diese Umstände mögen erklären, weshalb die Religiöse Gesellschaft der Freunde unter ihren Mitgliedern eine derartige Weite von religiösen Auffassungen in Übereinstimmung bringen kann. Ungefähr jede Farbe eines religiösen Spektrums scheint sich in den Ansichten der Freunde zu spiegeln. Es gibt Freunde, deren Glauben am besten in der traditionellen Sprache des orthodoxen Christentums ausgedrückt werden kann. Andere Freunde werden am zutreffendsten als religiöse Humanisten beschrieben.

Sakramente und Liturgie

Die Freunde glauben, dass primär das Gebet und die Liebe zu Gott von Bedeutung sind. Dies bringt die künstliche Spaltung zwischen dem Säkularen und dem Religiösen zum Verschwinden und macht alles, was im Geist gelebt wird, zu einem Sakrament. Freunde bezeichnen manchmal traditionelle äusserliche Zeremonien und Sakramente als „leere Formen“ und lehnen sie ab, jedoch ohne die spirituelle Wirklichkeit, die sie symbolisieren, zu verneinen. Die Taufe zum Beispiel bedeutet eine innere oder spirituelle Erfahrung und nicht eine rituelle Handlung. Die Kommunion ist auch spirituell, also eine bewusste Offenheit für das Göttliche und ein Einswerden damit. Obwohl Freunde den Sabbat und christliche Feste ganz unterschiedlich feiern mögen, sind für sie diese Tage nicht heiliger als Wochentage.

Quäker und das Leben nach dem Tode

Die Freunde betrachten ein Leben nach dem Tode nicht als Vergeltung für Tugend oder als Kompensation für die Leiden des Erdenlebens. Auch wurden weder Angst vor noch Drohung mit Verdammnis eingesetzt, um Freunde zu einem besseren Leben anzuhalten. Die Ansicht der Quäker über die Geschehnisse nach dem Tode sind in der Erfahrung des gegenwärtigen Lebens verwurzelt. Freunde glauben, dass das Leben gut sei, und dass ein wesentlicher Hinweis zu seinem wirklichen Wesen in der gegenseitigen Liebe unter den Menschen besteht.

Die Liebe ist immer von einem Geheimnis umgeben, das die Menschen nicht voll zu durchdringen vermögen, aber die Freunde sind überzeugt, dass der Liebe eine zeitlose Eigenschaft innewohnt. Liebe kann nicht durch Tod zerstört und durch Zeit und Ort begrenzt werden. Diese Überzeugung wird unterstützt durch die Erfahrung der Quäkerandacht und durch das Wissen, dass die Persönlichkeit von Jesus durch seinen Tod nicht vermindert worden ist. Sein Leben gründete auf dem Vertrauen, dass Gott Liebe ist und die Freunde gehen auf diese Liebe ein. Sie erfahren den „Himmel“ im Hier und Jetzt und glauben, dass alles jenseits des Todes für uns gut sein muss.

Freunde entwickeln keine Dogmen über das, was nach dem Tode geschehen wird. Es gibt Freunde, die überzeugt sind, dass es ein Leben nach dem Tode gibt und andere, die vom Gegenteil ebenso überzeugt sind. Aber alle Freunde glauben, dass es wichtiger ist, dieses Leben zu leben und danach zu trachten, die menschlichen Bedingungen dieser Welt zu verbessern, anstatt sich auf Spekulationen über das nächste Leben einzulassen.

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